Biologische Vielfalt

Die mit Abstand artenreichsten Insektengruppen sind: Hautflügler, Zweiflügler, Käfer und Schmetterlinge

Unter "Biologischer Vielfalt" oder "Biodiversität" versteht man die Vielfalt der Ökosysteme und der Arten sowie die genetische Vielfalt innerhalb der Arten. Die biologische Vielfalt ist weltweit in dramatischem Ausmaß rückläufig. Als wichtigste Ursachen für den Verlust der Biodiversität gelten die Veränderungen in der Landnutzung (vor allem die Abholzung von Wäldern und die Umgestaltung natürlicher Ökosysteme zu landwirtschaftlich oder baulich genutzten Flächen), Klimaveränderungen, die Stickstoffbelastung von Gewässern (Einträge über Kunstdünger, Fäkalien und Autoabgase) und die Ausbreitung von nicht einheimischen Arten. Die Vielfalt der Arten im Tierreich setzt sich in Deutschland (insgesamt 47.700 Arten) zu mehr als 70% aus Insekten zusammen. Für eine weitere Differenzierung der Artzusammensetzung beachten Sie nebenstehende Grafik.

Deutschland summt!  und die Trägerin der Initiative, die Stiftung für Mensch und Umwelt, setzen sich vor allem für den Schutz und die Verbesserung der Ökosysteme ein, um so einen Beitrag zur Erhaltung der Bienenarten und der von ihnen bestäubten Pflanzen zu leisten. Die verschiedenen Wildbienenarten sind nämlich auf unterschiedliche Lebensräume angewiesen und tragen mit ihrer Bestäubungsleistung gleichzeitig zum Erhalt dieser Lebensräume mit ihren spezifischen Pflanzengemeinschaften bei.

Daniela Schadt über die Bedeutung biologischer Vielfalt

Bei der Prämierung von  Deutschland summt! durch die Initiative "Deutschland - Land der Ideen" am 26. März 2014 in Hamburg hielt unsere damalige Schirmherrin Daniela Schadt ein Grußwort, in dem sie auch die Bedeutung biologischer Vielfalt betonte.

Bienen und andere Bestäuberinsekten haben vermutlich eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Vielfalt der Blütenpflanzen gespielt. Vor rund 120 Millionen Jahren entwickelten sich in einem Prozess der wechselseitigen Anpassung (Koevolution) sowohl die Bienen als auch die zu bestäubenden Blütenpflanzen mit ihrer großen Vielfalt an Blütenformen und -farben sowie Blütezeit. Wie bei vielen anderen Insekten auch, gibt es daher unter den Wildbienenarten einige, die sich bei der Aufnahme von Pflanzenpollen und Nektar auf ganz bestimmte Pflanzenfamilien spezialisiert haben. Diese Art der Futter-Spezialisierung nennt man Oligolektie. Sind die Wildbienen noch stärker spezialisiert und sammeln Pollen nur bei einer Pflanzengattung oder sogar von nur einer Pflanzenart, bezeichnet man dies als monolektische Verhaltensweise. So erklärt sich, warum viele Wildbienenarten in den letzten Jahrzehnten in ihrem Bestand stark dezimiert, regional verschwunden oder sogar ausgestorben sind: Mit dem Verschwinden der Pflanzen aus unserer Kulturlandschaft verschwinden auch die Insekten. Wildbienen können aufgrund ihrer evolutiven Anpassung nicht auf andere Futterpflanzen ausweichen. Ohne ihre Trachtpflanzen sterben sie lokal selbst dann aus, wenn es reichhaltig blüht und ideale Nistplätze vorhanden sein mögen. In Deutschland sind 30 Prozent der Wildbienenarten oligolektisch.

So haben einige Lebensräume wie z.B. Wiesen, also selten gemähtes und nur mäßig gedüngtes Grünland, eine große Bedeutung für viele Wildbienenarten. Dort wachsen mit dem Wiesen-Bocksbart und der Wiesen-Glockenblume Pflanzen, die einigen spezialisierten Sandbienen-Arten als Pollenquelle dienen. Auch Waldränder, Kies- und Lehmgruben, Feldraine, Straßenböschungen und eine Vielzahl anderer Naturräume bieten jeweils unterschiedlichen Bienenarten geeignete Lebensbedingungen.

Politische Initiativen für den Erhalt der biologischen Vielfalt

Biodiversity is Life

Im Jahr 1992 unterzeichneten auf dem "Erdgipfel" in Rio de Janeiro 192 Staaten die UN-Konvention zur biologischen Vielfalt (CBD). Sie ist das zentrale politische Dokument für den Schutz der Biodiversität, auf das sich die Bemühungen auf den verschiedenen politischen Ebenen beziehen. So veröffentlichte die Europäische Kommission im Jahr 2011 eine EU-Biodiversitätsstrategie (PDF), mit der sie bis 2020 den Verlust der biologischen Vielfalt stoppen will. Die Strategie enthält Einzelziele für sechs Themenbereiche, die mit konkreten Maßnahmen erreicht werden sollen. Bereits im Jahr 2007 verabschiedete die deutsche Bundesregierung die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt. Die Strategie benennt rund 330 Ziele und rund 430 Maßnahmen und soll bis zum Jahr 2020 gelten. Zur Umsetzung der Strategie wurde unter anderem das Förderprogramm Bundesprogramm Biologische Vielfalt aufgelegt. Auch auf Ebene der Bundesländer und der Kommunen gibt es vielfältige Anstrengungen zum Schutz der biologischen Vielfalt. Die Rahmenbedingungen und Ressourcen zur Umsetzung des Erhalts der Biodiversität müssen dabei stets evaluiert werden, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Die Positionspapiere der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) und vom Deutschen Naturschutzring (DNR) greifen aktuelle Themen des Natur- und Umweltschutzes auf und setzen sich kritisch mit ihnen auseinander. In allen Strategien sind neben den staatlichen Stellen auch die gesellschaftlichen Akteure und die Bürger aufgerufen, sich mit ihren Möglichkeiten an den Umsetzungsprozessen zu beteiligen.

Insekt des Jahres 2020: Der Schwarzblaue Ölkäfer (Meloe proscarabaeus)
Männlicher Schwarzblauer Ölkäfer

Der bis zu 35 mm große flugunfähige Käfer gehört zur Familie der Ölkäfer, welche in Mitteleuropa mit 37 Arten vertreten ist. Ihr länglich gedrungener Körper ist durch ein stark angeschwollenes Hinterteil gekennzeichnet. Mit ihren stark verkürzten Flügeln wirken sie sehr schwerfällig. Die schwarz bis schwarzblau gefärbten Insekten finden sich an meist sandigen offenen Stellen der Kulturlandschaft in Heiden, Trockenrasen, Streuobstwiesen, Wald- und Ackerrändern, wo sie sich von Pflanzenteilen ernähren. Aber auch Sand- und Kiesgruben sowie Steinbrüche gehören zu seinen Habitaten.

Bei drohender Gefahr sondern die Tiere ein Wehrsekret ab – das giftige Cantharidin. Schon die Ärzte der griechischen Antike nutzten den Naturstoff, um eine Fülle von Krankheiten zu behandeln. Seit dem 16. Jahrhundert ist der Gebrauch von Ölkäfern zur Behandlung von chronischen Hautkrankheiten, Gonorrhoe, Nieren und Blasensteinen als auch als Wurm- und Abtreibungsmittel bekannt. Neben seiner medizinischen Wirkung sagt man dem Stoff auch eine aphrodisierende Wirkung nach, weshalb Ölkäfer in Honig zubereitet ein verbreiteter Liebestrank war.

Triungulinen parasitieren an Efeu-Seidenbiene

Die Weibchen des Blauschwarzen Ölkäfers können bis zu 40.000 Eier während ihrer Reproduktionsphase ablegen. Die drei Millimeter langen Larven der Käfer (Triungulinus) erklimmen eine Blüte und klammern sich an einer heranfliegenden Wildbiene fest, um sich daraufhin zum Nest transportieren zu lassen. Dort entwickeln sich die Käferlarven als madenartiger Parasit weiter, nachdem sie das Bienenei gefressen haben. Die Zweitlarve ernährt sich von den Nektar-Pollenvorräten der Wildbienen. Nach der Überwinterung im Boden schlüpfen die Käferimagos ab März. Das Verhältnis von Käfern und Bienen beschreibt demnach eine besondere Wirkunsgkette.

Durch den Verlust von Lebensraum und die Gefahren des zunehmenden Straßenverkehrs, wird der Käfer für Deutschland als gefährdet eingestuft. Um selbst aktiv zu werden errichten sie Sandlinsen und sorgen für offene Stellen im Boden. Damit fördern Sie Wildbienen und Käfer.

Insekt des Jahres 2019: Die Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis)
Weibchen an Ajuga genevensis (Albert Krebs)

Das Insekt des Jahres ist eine echte Frühlingsbotin und bereits zum zweiten Mal eine Wildbiene. Sie fliegt von Anfang April bis etwa Mitte Juni in einer Generation. Die Rostrote Mauerbiene hat eine Körpergröße von bis zu 13 Millimeter und ist gekennzeichnet durch auffallend lange Fühler. Ihre dunkelbraune Färbung wird durch einen grünen metallischen Glanz ergänzt. Männchen und Weibchen verfügen über eine helle Behaarung, wobei die Männchen auf der Stirn behaart sind, was bei den Weibchen fehlt.

Die weiterverbreitete und häufige Art ist eine Hohlraumbewohnerin und damit auch in Siedlungsnähe zu finden. Trockenmauern, Totholz, Löss- und Lehmwände, Brombeerhecken, lockeres Gestein und andere Strukturen dienen ihr als Kinderstube. Sie braucht offene Stellen und nimmt mit großer Vorliebe künstliche Nisthilfen an. Auch alte Schuppen, Lochziegel, Schilfmatten und im Wandverputz sind sie zu finden.

Als Pollen- und Nektarquellen nutzt sie eine Vielzahl von Pflanzenfamilien, ohne ersichtliche Präferenz. Wie auch Blattschneiderbienen (Megachile spec.) sind Mauerbienen (Osmia spec.) mit Bauchbürsten ausgestattet, mit denen sie den Pollen sammeln. Den Nektar transportieren die Bienen für uns nicht sichtbar im Kropf.

Aktuell ist die Rostrote Mauerbiene aufgrund ihrer Häufigkeit und enormen Anpassungsfähigkeit nicht gefährdet. Dennoch möchte das Auswahl-Kuratorium mit der Entscheidung auf die Gefährdung von Wildbienen und deren generelle Bedeutung für die Bestäubung als Ökosystemdienstleistung hinweisen.

Lebenszyklus der Rostroten Mauerbiene

Die meiste Zeit ihres Lebens verbringt die Rostrote Mauerbiene als fertiges Insekt im schützenden Kokon - etwa von September bis April
Insekt des Jahres 2018: Die Gemeine Skorpionsfliege (Panorpa communis)
Ausgeprägter Geschlechtsdimorphismus der Gemeinen Skorpionfliege

Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung hat die Gemeine Skorpionsfliege (Panorpa communis) als Insekt des Jahres 2018 ausgerufen. Sie gilt gegenwärtig als nicht gefährdet. Diese faszinierende und anpassungsfähige Art steht stellvertretend für die etwa 33.000 bekannten Insektenarten in Deutschland.  

Die vierflügelige Schnabelfliegenart lebt in Gebüschen, an Wald- und Wegrändern, Wiesen und in Brennnesselbeständen. Ihr Verbreitungsgebiet findet sich in ganz Mitteleuropa. Darüber hinaus ist sie in auf den Britischen Inseln, Teilen Skandinaviens, Russlands und in SO Europa beheimatet. Die Insekten erreichen eine Flügelspannweite von 25 bis 35 mm, eine Körperlänge von bis zu 3 cm und besitzen, wie der Gattungsname verrät, schnabelartige Mundwerkzeuge. Namensgebend für die ungefährliche Art ist das ausgeprägte Begattungsorgan des Männchens, welches seiner Forma nach an den Stachel eines Skorpions erinnert. Die deutlichen Unterschiede in der Erscheinung von Männchen und Weibchen nennt man Geschlechtsdimorphismus. Neben Nektar, Pollen, Kot und reifem Obst ernähren sich Skorpionsfliegen auch von anderen toten Insekten und Wirbeltieren.

Insekt des Jahres 2017: Die Europäische Gottesanbeterin (Mantis religiosa)
Die Europäische Gottesanbeterin in ihrer charakteristischen Körperhaltung

Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung hat die Europäische Gottesanbeterin (Mantis religiosa) als Insekt des Jahres 2017 ausgerufen. Sie unterliegt nach Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) und Bundeartenschutzverordnung (BArtSchV) besonderem Schutz. Daher ist sie zwar zum einen als bedrohte Art in auf der Roten Liste aufgeführt, zum anderen ist sie aber auch Profiteurin des Klimawandels.

Ihr Verbreitungsgebiet weitet sich auch in Deutschland seit den 1990er Jahren zunehmend aus. Das andächtig wirkende Weibchen der Raubinsekten erreicht eine Körperlänge von bis zu 7,5cm. Ihr wissenschaftlicher Name bedeutet übersetzt so viel wie “Religiöse Seherin“. Um eine Nährstoffnachlieferung für ihre Nachkommen zu sichern, frisst das Weibchen oft das Männchen nach der Paarung. Ihre Eigelege können bis zu 200 Eier enthalten. Zu den Beutetieren der Fangschreckenart gehören Frösche, Mäuse, Spinnen und Bienen. Die Europäische Gottesanbeterin verweist dort wo sie vorkommt, dass das jeweilige Biotop eine hohe Artenvielfalt hat und ist somit auch ein Anzeiger für einen gesunden Lebensraum.

 

Insekt des Jahres 2016: Der Dunkelbraune Kugelspringer (Allacma fusca)
© Andreas Stark, Ampyx-Verlag

Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung hat den Dunkelbraunen Kugelspringer (Allacma fusca) zum Insekt des Jahres 2016 gekürt. Er wurde stellvertretend für die große Gruppe der Organismen ausgewählt, die für fruchtbare Böden sorgen. Durch die Wahl dieses Tieres will die Gesellschaft darauf aufmerksam machen, dass die Fruchtbarkeit der Böden weltweit zunehmend bedroht ist. Gründe dafür sind besonders die übermäßige und unsachgemäße Nutzung der Böden sowie der massenhaften Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln. Der nur 4 mm große Dunkelbraune Kugelspringer ist eine der unzähligen Lebensformen, die sich im Boden tummeln und dessen Fruchtbarkeit garantieren. Er ernährt sich von Zerfallsstoffen und trägt so zur Bildung von Humus bei, der ein zentraler Bestandteil fruchtbarer Böden ist.

 

Kontakt

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